Umgangsformen

In diesem Artikel wollen wir euch ein paar wenige, aussagekräftige Hinweise geben, wie ihr euch in der pseudo-mittelalterlichen Fantasywelt Siebenhafens verhalten könnt, um nicht anzuecken, weil ihr euch zur falschen Zeit verbeugt oder die falsche Person mit Vornamen angeredet habt.

In Fantasygenres wird das „Sie“ normalerweise gar nicht verwendet. „Sagen Sie mal, Herr Ritter…“ ist also extrem unüblich.
Schon häufiger wird das „Du“ verwendet. Angebracht vor allem bei Freunden oder zumindest Bekannten,die sich (etwa) im gleichen Stand bewegen. „Johann, kannst Du mir bitte mal das Salz reichen“ ist also unter alten Freunden gut möglich.
Am weitesten verbreitet ist das sogenannte „Euchzen“. Damit kann man eigentlich nichts falsch machen, sollte sich jemand damit „über-angesprochen“ fühlen, wird er euch das schon wissen lassen. Andersrum wäre peinlicher. Vor allem im Umgang mit Adel etc. ist es angebracht: „Ah, Euer Gnaden, Euch habe ich gesucht“. Aber auch möglich, wenn man auf der selben Ebene steht, aber sich noch nicht so gut kennt: „Guter Schuss, Bithildis. Ich habe schon von Eurer Treffsicherheit gehört“.
Etwas vorsichtig sollte man mit der Anrede in der dritten Person umgehen: „Stallbursche, beweg er sich her!“ Diese Anrede wurde erst im 18. Jahrhundert üblich und ist deshalb zumindest für das früh- / hochmittelalterliche Setting Siebenhafens ungeeignet, sie paßt am ehesten noch nach Selachi. Sie sollte auch nur von ganz oben (höherer Adel) nach ganz unten (Handlanger, Knechte, Mägde) verwendet werden, da sie durchaus eine herabwürdigende Komponente enthält.
Fazit: Mit dem „Euchzen“ macht man nichts falsch.

Die Zahl weltlicher und geistlicher Titel ist Legion. Meist lässt sich nicht eindeutig zuordnen, welchen Rang genau euer Gegenüber besitzt. Daher hier eine grobe Einteilung in niederen, mittleren und gehobenen Adel, mit grob passenden Anreden und konkreten Beispielen.

Beispiele Adel
Rangstufe Titel Anrede Bemerkung / Beispiel
Niederer Adel Knappen, Pagen,
Edelknechte, Hofdamen,
Geldadel (Kaufleute, Zunftvorsteher)
Keine spezielle Anrede, Vorname und „Euch“, manchmal auch „Herr“ / „Frau“ mit Nachnamen Degenhardt von Rabenhorst als Knappe: „Degenhardt, beeilt euch.“
Tuchhändler Kaffenberger von einem Bettler: „Herr Kaffenberger, habt ihr einen Taler für mich?“
Mittlerer Adel Ritter, Reichsritter,
Freiherren/Freifrauen
Freifräuleins(Freiinnen),
(Barone/Baroninnen/
Baronessen),
Grafen/Gräfinnen
Herr oder Herrin mit Vornamen, bei unbekanntem Vornamen auch Edler Herr / Edle Herrin/Dame, bei förmlichen Anlässen „Euer Gnaden“, bei erheblichem Standesunterschied auch „Euer Hochwohlgeboren“ Ulrich von Dobran, Ritter der SiebenTürme: „Herr Ulrich, zu Eurer Linken!“
Thaddäus, Graf von Friedland: „Euer Hochwohlgeboren, zieht nicht nach Nebelheim!“
Beatrix, Gräfin von Grünwald: „Euer Gnaden, darf ich um diesen Tanz bitten?
Gehobener Adel Herzoge/Herzoginnen,
Fürst/Fürstin/Erbfürst
„Euer Hoheit“ paßt immer, „Euer Durchlaucht“ für Nachkommen oder für Rangniedrigere in Gegenwart ranghöherer Herzog Stefan von der Trutzburg: „Euer Hoheit, haltet durch!“
Borwin, Fürst der Sieben Türme: „Euer fürstliche Hoheit, es ist angerichtet“, aber auch: „Mein Fürst, seid Ihr unverletzt?“
Konstanze von Nebelheim bei einem Bankett: „Euer Durchlaucht, Seine fürstliche Hoheit bitten zu Tisch.“
Generelle Bemerkung: Spricht man über einen Adeligen in dritter Person, heißt es nicht mehr „Euer Gnaden/Durchlauch/Hoheit“, sondern „Seine / Ihre Gnaden/Durchlaucht/Hoheit“.
Wir verzichten generell auf die anglophonen Bezeichnung, die sonst oft zu hören sind („Mylord“, „Sir“, „Sire“ etc.), da wir der Ansicht sind, dass man in einem LARP mit pseudohistorisch-deutschem Hintergrund auch ruhig Deutsch sprechen kann. Das macht es konsistenter, und es geht wirklich auch ohne Englisch.
Übrigens: Wenn ihr jemanden mit einem „militärischen“ Dienstgrad (Hauptmann, Waffenmeister, Weibel, Korporal) ansprecht, dann lasst das „Herr“ davor weg - „Herr Hauptmann“ klingt einfach zu sehr nach Bundeswehr.

Auch hier eine formschöne und hilfreiche Tabelle. Es gilt wieder die Regel des Augenscheins: Je üppiger der Auftritt, desto hochgegriffener die Anrede.

Beispiele Klerus
Rangstufe Anrede Bemerkungen / Beispiele
Mönche / Nonnen Bruder / Schwester mit Vornamen (wenn man ihn nicht kennt auch ohne) und meist mit „Euch“ Columbanus, als er noch Mönch war: „Bruder Columbanus, warum habt ihr so viel Sand auf eurem Teller?“
Eusebia, Nonne bei der Krankenpflege: „Schwester, meine Wunden schwären!“
Priester Pater (Männer) oder Mater (Frauen), auch Vater/Mutter sind möglich, aber unüblich Columbanus zwei Jahre später: „Pater Columbanus, wie schön, euch wieder zu sehen!“
Bischöfe und Großmeister kirchlicher Orden Eure Exzellenz, beim Praesul oder Ordenschefs: Eure Eminenz, dann meist ohne Eigennamen, sondern mit Titel Bischof Sigismund, Alt-Trutzburg: „Eure Exzellenz, der Dom benötigt dringend ein neues Dach!“
Katharina, Ordensmeisterin der Dämonentöter: „Ich melde Ihre Eminenz, die Ordensmeisterin vom Orden des Heiligen Friedrich!“

Grundsätzlich gilt: Männer verbeugen sich, Frauen mit Rock knicksen. Frauen mit Hose können es sich aussuchen.
Wie tief man sich verbeugt bzw. knickst, hängt vom Verhältnis der eigenen Person zum Gegenüber und vom Anlass ab. Je größer der Unterschied und je feierlicher der Anlass, desto tiefer. Wenn der Fokus nur auf einer Person liegt, wird deren Verbeugung/Knicks natürlich ebenfalls tiefer ausfallen, als wenn eine hochgestellte Persönlichkeit sich an einer ganzen Gruppe vorbeibewegt.
Bauern, Stallburschen, einfache Soldaten können bei feierlichen Zeremonien vor dem Fürsten ganz auf ein Knie sinken. Abstufungen sind dann noch das tiefe Abknicken in der Hüfte, das nicht so tiefe Verbeugen „aus dem Bauch heraus“ oder das einfache Senken des Kopfes. Knickse fallen einfach unterschiedlich tief und lange aus, können auch mit Senken des Kopfes oder ohne durchgeführt werden. Eine Baronin würde vor einem Grafen sicherlich nur ein oder zwei Sekunden in einer relativ hohen Position verharren. Es macht auch einen Unterschied, ob man gerade arbeitet und der Höhergestellte nur schnell vorbei geht, dann reicht meist ein Aufsehen von der Arbeit und ein respektvolles Kopfnicken, oder ob sich derjenige eindeutig einer bestimmten Person nähert.

Jedermann und -frau trägt stets und überall, drinnen wie draußen, im Sitzen oder Stehen, Kopfbedeckungen. Einzige Ausnahme sind Kinder und bis zu einem gewissen Alter die unverheirateten Edeldamen. Blanke Köpfe gelten als unschicklich.
Frauen nehmen ihre Kopfbedeckung so gut wie nie ab, auch nicht in der Kirche oder beim Grüßen hochgestellter Personen.
Männer nehmen ihre Kopfbedeckungen bei bestimmten, wichtigen Passagen in der Kirche ab, oder wenn sie zu offiziellem Anlass eine sehr viel höhergestellte Person (z.B. durch Kniefall) grüßen wollen. Helme, die das Gesicht verdecken, werden bei längeren Gesprächen höflichkeitshalber abgenommen.
Selbstverständlich werden die Kopfbedeckungen jedoch von allen am Sendfest abgenommen, damit diese, dem Brauch entsprechend, an den Balken gehängt und mit Botschaften gefüllt werden können.

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  • Zuletzt geändert: 12.07.2020 23:54
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