Tolomae: Magia Benigna vel Maligna

TRADITIO et INVOCATIO - halbjährlich erscheinendes Journal der Akademie der Magischen Künste zu Alt-Trutzburg

Magia Benigna vel Maligna Prägung zweier Begriffe zur Unterscheidung magischer Praxis, gerichtet auf das Laienvolk,im Sinne der Ablösung überkommener Unterscheidungen scripsit Tolomae, Ordinaria Academiae Magicae Castrae Antiquae, Cathedra Applicationis Artium Elementarum

Als Vorrede

Die folgenden Erörterungen entspringen meiner Überzeugung, dass sowohl die Akademie als auch der Magierrat zu Alt-Trutzburg sich fürderhin nicht mehr dem Zwiegespräch mit dem Laienvolk werden entziehen können. Zu gravierend sind die Verheerungen, die der verfluchte Nikodemus nicht nur im Land selbst, sondern auch im Geist des Volkes allhier angerichtet hat. Wohl weiß ich, dass manch Fakultätsbruder oder -schwester solcherlei Erwägungen für unter ihrer Würde erachtet. Ohne Ihre Urteilsfähigkeit im Allgemeinen in Zweifel ziehen zu wollen, muss ich doch in diesem besonderen Belang darauf hinweisen, dass wir Praktizierende der Magischen Künste nicht in einem elfenbeinernen Turme leben, so sehr man das bedauern mag: die Akademie steht in Alt-Trutzburg, lebt von Alt-Trutzburg und schützt Alt-Trutzburg. Wie töricht wäre es da, nicht mit Alt-Trutzburg Zwiegespräch zu halten. Schon jetzt erfahren wir Beeinträchtigungen in unserer Arbeit, weil das Laienvolk an Vertrauen in uns verloren hat. Suchen wir das Zwiegespräch nicht, wird weiteres Vertrauen zuschanden gehen, und unsere akademische Arbeit wird umso mühseliger. Bevor sich nun ein Aufschrei erhebt, erlaube man mir die Einschränkung: keineswegs fordere ich, dass der Stimme eines jeden dahergelaufenen Bauern, Knechtes oder Tagelöhners Gehör zu schenken sei. Vielmehr muss sich ein Zwiegespräch richten an diejenigen Laien, deren Verstand in der Lage ist, die im Folgenden dargelegten Gedanken zu fassen. Auch in Adel und Klerus wird es solche geben, denen dies nicht zuzumuten ist; das letzte Wort in der Wahl der Rede und ihrer Adressaten wird der Rat der Magier in seiner Erfahrung mit weltlichen Verhandlungen sprechen müssen.

Von der so genannten „schwarzen“ und „weißen“ Magie als Kern vieler Missverständnisse

Selbst den weltfremdesten unter unseren Fakultätsmitgliedern dürfte nicht entgangen sein, dass das Zwiegespräch zwischen uns akademisch Ausgebildeten und dem Laienvolk häufig umständlich und unerquicklich, bisweilen sogar ausgesprochen feindselig verläuft. Dies ist, bei näherer Betrachtung, in der Mehrzahl der Fälle darauf zurückzuführen, dass der Laie ein dichotomes Konzept verwendet, dass uns Gelehrten entweder nicht geläufig ist oder ganz und gar unsinnig erscheint. Ich spreche von der so genannten „weißen“ und „schwarzen“ Magie. Auf diese Begriffe rekurriert der Laie, um zu bestimmen, ob er sich dem Magiekundigen gegenüber feindselig oder zutraulich verhalten soll. Dabei wird jedoch nur allzu oft nicht der im Augenblick gewirkte Zauber betrachtet, sondern allein die Tradition, der der Zaubernde entstammt. So ist ein Dämonologe in diesem Referenzsystem unausweichlich ein „Schwarzmagier“, ganz unabhängig davon, ob er sich auf die Herbeirufung oder Bannung feindseliger Dämonen versteht. Ohne im Einzelnen auf den Ursprung dieser irrigen Begriffe eingehen zu wollen, möchte ich zwei Exempel anführen, die ihre Absurdität verdeutlichen:
(a) ein heilkundiger Magier wird vom Volke unweigerlich der „weißen“ Magie zugeschlagen. Was jedoch, wenn er seine Kräfte nutzt, um Feinde des Landes, vielleicht gar Orks oder Goblinoide nach einem Überfall zu heilen? (b) ein in der Nekromantie bewanderter Zauberkundiger gilt unausweichlich als „Schwarzmagier“ und wird als solcher verfolgt. Was jedoch, wenn er sein Wissen über den Schleier zwischen unserer Welt und dem Totenreich nutzt, um umherirrende, unglückselige Geister zur Ruhe zu betten und ihnen den verdienten Schlaf zu ermöglichen? Beide Exempel belegen, dass die Einordnung als „weiße“ und „schwarze“ Magie ungeeignet – ja sogar schädlich - ist, den unkundigen Laien in seinem Umgang mit Zunftbrüdern und -schwestern anzuleiten. Dennoch bleibt der – durchaus berechtigte – Wunsch des Laien bestehen, man gebe ihm eine Schablone an die Hand, mit der er Magie in „feindlich“ und „freundlich“, in „gut“ und „böse“ scheiden kann.

Zur Eignung bestehender Klassifizierungen

Die in der magischen Theorie versierten Kollegen werden gleich einwenden, dass es zu unserem Glück ja eine Vielzahl an Klassifizierungssystemen 1) gibt, die bei der Einordnung einzelner Praktiken und Praktizierender helfen. Dem muss ich entgegen halten: uns Akademikern sind diese einleuchtend, einen Laien jedoch überfordern sie rettungslos. Nicht allein, dass ihr Verständnis fundierte Kenntnis in der Theorie der Magie voraussetzt, schlussendlich ergibt sich aus ihnen außerdem kein Werturteil, welches einem Laien im Umgang mit Magiebegabten eine Handreichung bietet. Da mögen sich einige unter den Damen und Herren Consorores und Confratres noch so sehr darob empören, dass einem Laien ein solches Urteil nicht ansteht: die Laien werden ein Urteil fällen, denn es liegt nun mal in des Menschen Natur zu urteilen. Dem Urteil jedoch folgt zumindest die Geisteshaltung, wenn nicht gar die Tat. Und Taten, die sich auf Fehlurteile gründen sind es, die uns seit Nikodemus das Leben und die Lehren schwer machen.
Unsere Aufgabe muss es also sein, dem unkundigen Laien Begriffe zu vermitteln, die sicher stellen, dass jener Laie solche Magiekundigen, die keine „schlechten“ Praktiken verfolgen – insbesondere die Mitglieder des Magierrates und der Akademie – nicht behelligt. Nur so können wir weiter unbeeinträchtigt unseren Forschungen nachgehen.

Postulat: Betrachtung von Magie aus der Sicht des Nutzens für Land und Volk

Wie nun lassen sich Begriffe finden, die gleichzeitig einem Laien begreifbar zu machen sind, und überdies gewährleisten, dass er rechtschaffene Magiekundige gewähren lässt, Schädlinge außerhalb unserer Zunft jedoch bekämpft, wie es sein Recht und unser Nutzen ist? Anders gefragt: was unterscheidet – für einen Laien erkennbar - einen „guten Zauberer“ wie unseresgleichen von einem „Schwarzmagier“, der Kummer und Zerstörung bringt? Mein zentrales Postulat ist das Folgende:

  • Ein „guter“ Zauberkundiger (lege: einer, den ein jeder Laie zu gewähren lassen hat) verwendet seine Kunst in einer Weise, die dem Land und Leuten von Alt-Trutzburg 2) nützt, den Stand und die Person des Zauberkundigen eingeschlossen;
  • Ein „schlechter“ Zauberkundiger (lege: einer, dessen Tun jeder Laie und Zunftgenosse Einhalt zu gebieten hat) hingegen schadet durch seine Kunst Land und Leuten von Alt-Trutzburg.

Will man mit klaren Begriffen arbeiten, so ist es also exakter, statt von guter und schlechter von nützlicher und schädlicher Magie zu sprechen. Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: eine solche Unterscheidung ist zuerst und vor allen Dingen deswegen unserer Sache zuträglich, weil sie den Laien anleitet, unserem Urteil zu folgen, sein Tun somit in unserem Sinne lenkt und schlußendlich Alt-Trutzburg als Einheit von Land und Magierstand dient.

Ausblick: von der Notwendigkeit eines praktischen Curriculums

„Unserem Urteil zu folgen“, habe ich ganz absichtlich im vorigen Abschnitt formuliert. Keineswegs darf dem Laien gestattet und zugemutet werden, das Urteil über Nutzen oder Schaden selbst in letzter Instanz zu fällen. Dazu sind einzig und allein in der Akademie akkreditierte Magier befähigt, und somit ist auch keine andere Person dazu zu ermächtigen. Wohl mag ein Laie Verdachtsfälle einem akkreditierten Magus zur Kenntnis bringen. Den Verdächtigen zu beurteilen und gegebenenfalls zu bestrafen, steht ihm nicht an.
Daraus folgt zweierlei: zum einen sind Mittel und Wege zu finden, wie dem Laienvolk die Begriffe des nützlichen und des schädlichen Zauberers beizubringen sind. Hier mag die Kirche als Beispiel herhalten, deren Passionspiele, Legenden und Moritaten einen ganz ähnlichen Zweck erfüllen.
Zum anderen sind wir als Akademie berufen, dem Rat der Magier tatkräftige Unterstützung dabei zu leisten, Kollegiaten und Diener des Rates mit der Aufgabe zu betrauen, schädliche Magier zu finden und zu richten. Meines Erachtens bedarf es zur Schulung solcher Quaesitoren nur eines recht überschaubaren Curriculums, da es wesentlich auf grundlegende Inhalte der Magischen Theorie zurückgreifen kann.


1)
Ich verweise an dieser Stelle auf den Aufsatz des Fakultätskollegen Eulenstadt 'De Natura Artium Magicarum', als übersichtlich und zusammenfassende Darstellung dieser Klassifizierungsversuche.
2)
Bei der Betrachtung mit einem weiteren Blickwinkel schließt das Wohl Alt-Trutzburgs selbstredend das Wohl des Fürstentums Siebenhafen ein
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  • Zuletzt geändert: 12.07.2020 23:54
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